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Quo vadis Pflege

„Quo vadis Pflege ?“

Altenpflege braucht mehr Wertschätzung und mehr Geld

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Groß-Umstadt hatte zur Podiumsdiskussion mit dem Titel „Quo vadis Pflege ?“ – Stand und Zukunft der Altenpflege in Hessen und im Landkreis Darmstadt-Dieburg“  in den ‚Portugiesischen Club (COP)‘ in Groß-Umstadt eingeladen.

Aus der Politik waren Rosemarie Lück, Sozial- und Jugenddezernentin des Landkreises Darmstadt-Dieburg, und Catrin Geier, SPD-Landtagskandidatin, eingeladen. Die Einschätzung der Praktiker zur Pflegesituation wurde von Alexander Schuck, kommissarischer Leiter des ‚Hauses Weinbergblick‘ der Gersprenz gGmbH und Dieter Stuckert, Schulleiter der Altenpflegeschule des SENIO Verbandes, vorgetragen.

Die Moderation der Veranstaltung wurde von Alexander Ludwig von der AWO Hessen-Süd übernommen. Er zitierte zur Einleitung aus dem Koalitionsvertrag der GroKo auf Bundesebene, in dem es heißt: „Kranke, Pflegebedürftige und Menschen mit Behinderungen müssen auf die Solidarität der Gesellschaft vertrauen können. Wir werden sicherstellen, dass alle auch zukünftig eine gute, flächendeckende medizinische und pflegerische Versorgung von Beginn bis zum Ende ihres Lebens erhalten, unabhängig von ihrem Einkommen und Wohnort.“ Dieses Ziel, so Ludwig, können sicher alle hier unterschreiben. „Doch wie erreichen wir dies – das ist heute die Frage.“

Helmut Kaufmann, Experte für die Altenpflege bei der AWO, gab zunächst eine Zustandsbeschreibung, um anschließend Forderungen an die Politik und Gesellschaft zur Verbesserung der Situation zu formulieren. Er verwies auf eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft, nach der die Zahl der pflegebedürftigen Menschen bis 2035 von 3 Mio. auf ca. 4 Mio. ansteigen werde. Entsprechend müsste die Zahl der Pflegekräfte um 44 % ansteigen. Auch Rosemarie Lück nannte ähnliche Zahlen für den Landkreis. Laut Statistik gäbe es aktuell etwa 670 Pflegekräfte, der Bedarf werde in einigen Jahren auf über 900 steigen und 342 neue Fachkräfte erfordern.

„Pflegefachkraftmangel kann man nicht beklagen, solange Rahmenbedingungen herrschen, unter denen kaum junge Leute arbeiten wollen und können,“ so Kaufmann. „Der Beruf muss finanziell und gesellschaftlich aufgewertet werden. Zur Wertschätzung zählt auch, mehr Verantwortung zu übertragen.“ Dieter Stuckert als Schulleiter der Altenpflegeschule berichtete aus seiner Erfahrung, dass die jungen Menschen,  die eine Ausbildung in der Pflege beginnen, sich für den Dienst am Menschen interessieren und oft von der Familie oder im Freundeskreis dazu ermuntert würden. Er mache allerdings auch die gegenteilige Erfahrung, dass Auszubildende negative Kommentare aus der Verwandtschaft zu hören bekämen oder durch schlechte Arbeitsbedingungen und Bezahlung abgeschreckt würden.

Alexander Schuck berichtete aus der Praxis des Einrichtungsleiters, dass die Personalschlüssel unzureichend seien und die Bürokratie überhandgenommen habe. Man bemühe sich um Nachwuchs, habe 30 Azubi’s in den 4 Pflegeheimen der Gersprenz. Aber auch Schuck beklagte häufige Überlastung der Mitarbeiter*innen, mangelnde Wertschätzung und zu wenig Geld im System. Diese grundlegenden Punkte, die Unterfinanzierung des Pflegebereichs sowie die fehlende Wertschätzung der Arbeit im sozialen Bereich, zogen sich wie ein roter Faden durch alle Diskussionsbeiträge. Auch die zahlreichen Fragen und Beiträge aus dem Publikum hatten immer wieder zum Inhalt, wie man diese Situation verbessern könne. Denn das die Diskussion um den Pflegenotstand nicht neu sei, darüber waren sich offenbar fast alle einig.

Helmut Kaufmann wies darauf hin, dass der Gesetzgeber mit der letzten Pflegereform den Ländern und Kommunen wieder stärkere Steuerungsmechanismen in die Hand gegeben habe. Die Hessische Landesregierung habe sich aber nahezu vollkommen aus der Altenhilfepolitik verabschiedet, so Kaufmann. „Einige Landkreise, wie hier Darmstadt-Dieburg leisten gute Altenhilfepolitik, aber nicht durch die Unterstützung der Landesregierung.“ Rosemarie Lück wies auf die Beratungsstellen im Landkreis hin und machte deutlich, dass man sich sowohl im Jobcenter als auch in der Betreuung ausländischer Mitbürger bemühe, Menschen für eine Ausbildung in der Pflege zu gewinnen. Dazu brauche der Beruf aber auch eine gewisse Attraktivität. Tarifgebundene Gehälter halte sie für unbedingt notwendig, so Lück. Catrin Geier sagte, sie sei sicher, dass die Landespolitik noch viel zur Verbesserung der Situation beitragen könne, aber auch der Gesetzgeber in Berlin sei weiter gefordert. Sie war sich mit Kaufmann einig, dass die Regierung den Mut besitzen solle, für die Pflege eine Vollfinanzierung zu sichern, mittelfristig einen deutschlandweiten Personalschlüssel von 1 : 1,5 festzulegen sowie tarifgebundene Gehälter zwingend vorzuschreiben. Zur Finanzierung setzt sich die AWO laut Kaufmann für eine ‚Bürgerversicherung‘ und die Auflösung der Privatversicherungen ein.


 


Bildunterschrift:

Zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Quo vadis Pflege?“hatte die AWO Groß-Umstadt Experten aus dem Bereich Altenpflege und Politikerinnen in den ‚Portugiesischen Club‘ eingeladen. Von links: Helmut Kaufmann, AWO-Vorsitzender in Groß-Umstadt, Rosemarie Lück, Sozial- und Jugenddezernentin des Landkreises Darmstadt-Dieburg, Catrin Geier, Landtagskandidatin der SPD, Moderator Alexander Ludwig, AWO Hessen-Süd, Alexander Schuck, kommissarischer Leiter des Pflegeheims der Gersprenz gGmbH in Groß-Umstadt sowie Dieter Stuckert, Schulleiter der Altenpflegeschule des SENIO-Verbandes.

Foto: H.Schneberger