AWO family gGmbH

Der Blickwinkel

Die Krankheit vor der Krankheit

(Larmagnac-Matherorn)

 

Kam der Lockdown zu spät? Wäre es besser gewesen, früher durchzugreifen? Hätte, hätte, Fahrradkette. Ermüdend und wenig zielführend sind diese Ex-Post-Analysen und umso größer ist die Sehnsucht nach neuen, anderen, nach vorne gerichteten Perspektiven. Um es mit Ludwig Wittgenstein zu sagen: damit wir nicht ständig um dieselben Fragen kreisen, ging es darum, „der fliege den Weg aus dem fliegen Glas (zu) zeigen“.

 

In der renommierten Fachzeitschrift The Lancet nun wurde kürzlich das Glas ein Stück weit angehoben: „Covid-19 ist keine Pandemie“, schrieb Chefredakteur Richard Horten. Wenn-gleich die Ausbreitung des Virus selbstredend ein globales Problem sei- die Vorsilbe Pan ist griechisch und bedeutet „ganz, völlig, Gesamt“-, würde das die aktuelle Lage nicht ausreichend beschreiben. Anstatt das Augenmerk allein auf die Größe der Ausbreitung zu legen, sei es nötig, die Gründe für den gesundheitlichen Schaden zu studieren, den das Virus anrichtet. Denn Covid-19 habe sich nur so schnell verbreiten und so verheerende Folgen anrichten können, weil ein Zusammenspiel vieler anderer chronischer Erkrankungen die Welt Gesundheit schon lange erheblich geschwächt habe.

Deshalb, so Horten, sollten wir eher von einer Syndemie sprechen (syn= „zusammen, mit, gemeinsam“). Hortens Befund wird durch eine detaillierte Studie bestätigt, in der es heißt: „die Wechselwirkung von Covid-19 mit weltweit ansteigenden chronischen Krankheiten wie Fettleibigkeit, erhöhtem Blutzuckerspiegel und Luftverschmutzung hat in den letzten 30 Jahren die Voraussetzung für derart viele Todesfälle durch und mit Covid-19 erst ermöglicht.. (…) Viele der Risikofaktoren von nicht übertragbaren Krankheiten, wurden im Rahmen dieser Studie untersucht“, hier fügten beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hinzu, „dies erhöht das Risiko für einen schweren oder gar tödlichen Verlauf von Covid-19.“ Die wichtigste Einsicht der Studie lautet demnach: unsere Gesellschaft war schon krank, lange bevor sich alle der Gefahr einer Ansteckung bewusst waren. Wir vergiften und schwächten uns durch unsere eigene, ganz alltägliche Lebensweise, die dem Virus sein tödliches Spiel leichter macht als nötig. Zugespitzt formuliert: Covid-19 verweist lediglich auf das Ausmaß jener Krankheiten, die durch schlechte Ernährung, zu wenig Bewegung und soziale Ungleichheiten beim Zugang adäquater Gesundheitsversorgung verstärkt werden

wenn wir an Krankheiten denken, denken wir nämlich meist an Ereignissen. Sprich: eine rapide Abnahme dessen, was als gesund gilt, ausgelöst oder verbunden mit dem Eindringen von Fremdkörpern (Viren oder Bakterien), die die inneren Funktionsweisen des Körpers stören. Wie allerdings passt beispielsweise Fettleibigkeit in dieses Bild von Krankheit, bei der es sich um eine Ansammlung von schädlichen Routinen und somit viel mehr um einen Prozess als um ein Ereignis handelt? Man wird nicht plötzlich gesundheitsgefährdend dick, sondern schleichend. Dieser langsame Wandel, der bis zu einem bestimmten Kipppunkt oft nicht als krankhaft wahrgenommen wird, ist nicht von einem Fremdkörper ausgelöst, sondern hat intrinsische Gründe. Natürlich ist die globale Ausbreitung von Covid-19 eine Katastrophe. Wenn wir jedoch versuchen, die aktuelle Situation als Syndemie zu betrachten, öffnet sich der Blick für eine zukunftsweisende Einsicht: mehr als „nur“ Maßnahmen zur Bekämpfung einer einzelnen Krankheit, brauchen wir deshalb eine Gesundheitspolitik, die es ermöglicht, die Gesundheit aller langfristig zu erhalten und zu fördern.