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Gedanken ueber und von Corona

Die Logik der Seuche

von Ronald Dücker

 

 

 

 

Corona provoziert das Denken denn es will zum Denken partout nicht passen. Das Virus hat keine Absicht, keine Begriffe und keine Moral; Naturwissenschaft ist es nicht einmal geklärt, ob es lebt oder tot ist. Einmal da, breitet es sich aus und ist dabei so sinnlos wie, im existenzialistischen Sinne, das Leben selbst. Also gleitet die Begriffsbildung dauernd an ihm ab und muss sich im rasch improvisierten Anläufen stets wieder neu formieren. Das Denken muss votieren wie das Virus auch. Eine Sisyphusarbeit, ein frustrierender Zustand. Aber kein neuer. Auf historische Vorläufer bezieht sich der bulgarische Politologe Ivan Krastev in seinem Essay „ist heute schon morgen?“, Der eine knappe, aber facettenreiche Bestandsaufnahme und Analyse der Pandemie beinhaltet. Krastev erinnert an die Spanische Grippe, die von 1918 an genau 2 Jahre lang grassierte und wahrscheinlich mehr Todesopfer forderte als die beiden Weltkriege zusammen. Wie ist es möglich, fragt Krastev, dass diese verheerende menschheitsgeschichtliche Zäsur so gründlich in Vergessenheit geriet? Es könnte, so vermutet er mit einer eigentümlichen narrativen Strukturlosigkeit zu tun haben: „Ihr fehlt ein klarer Plot.“ Dies soll man auch von ihr erzählen? Als einem Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen? Genauso wurde es gemacht. Die Moral des Krieges bot ein sinnstiftendes und dadurch besänftigendes Narrativ. Auf dem Schlachtfeld wird aus patriotischer Warte, nicht umsonst gestorben, sondern stets als Opfer für die Seinen. In einer Formulierung des amerikanischen Philosophen William James: der Krieg ist „die mörderische Kindsfrau, die Gesellschaften den Zusammenhalt beibrachte“. Ein Mechanismus, den, so Krastev , zum Beispiel die barocken Pestsäulen bezeugen; es sind Denkmäler, „den Sieg über die Pest feiernd. Hat aber auch die Seuche eine Absicht und Gesinnung, als trage sie eine Uniform wie der Feind im Schützengraben. So werden höchst zufällige Seuchenopfer zu Helden. Sehr früh schon sind Moral Metaphysik an dem Seuchendiskurs herausgehalten worden, zum Beispiel von Daniel Defoe , dem Autor des „Robinson Crusoe“: er führte im Jahre 1722 einer rationale-säkulare Perspektive ein. Sein Bericht „die Pest in London“ führt ins Jahr 1665, als in England zum letzten Mal die Beulenpest wütete. Defoe selbst hatte die Epidemie als 5-jähriger miterlebt, stützt sich aber wohl weniger auf die verblassten eigene Erinnerung als auf die Aufzeichnungen eines Onkels. Der Erzähler ist ein Kaufmann, der in der Stadt bleibt, mal in freiwilliger Quarantäne, mal durch Neugier auf die Straße getrieben. Plastisch schildert er das jämmerliche wehklagen aus den Häusern der beinah entvölkert Metropole. Er analysiert die Infektionsketten und die Effektivität von Hygienemaßnahmen: „die Krankheit gelangte in die Häuser der Bürger im allgemeinen mittels ihrer Bediensteten, die sie die Straßen auf und ab nach Bedarfsgütern schicken mussten, und da sie notwendigerweise durch die Straßen in die Läden, auf die Märkte usw. gingen, war es unvermeidlich, dass sie auf diese oder jene Weise kranken Leuten begegnen würden, die den tödlichen Hauch auf sie übertrugen.“ Nichts, so schließt Defoe auf frappierend aktuelle Weise, sei verderblicher, „als die Unachtsamkeit der Leute selbst, die während der langen Zeit, in der sie Nachricht oder Warnung vor der Heimsuchung hatten, dennoch keine Vorkehrungen trafen“. Wenn auch schon 300 Jahre alt: „die Pest in London“ ist ein Text zur Stunde. Weil Bakterien oder Viren opak agierende Aliens sind, erzählen solche kaum etwas über sich selbst. Stattdessen umso mehr über uns und unseren Umgang miteinander. Sie erschaffen eine gesellschaftliche Labor-Stitution, die sich, der Realität eines Gefängnisinsassen vergleichbar, durch einen „Mangel an Raum kompensieren durch einen Überfluss an Zeit auszeichnet. Eine „geschlossene Gesellschaft, über die es in Albert Campus „Pest“- Roman heißt: „so brachte die Pest unseren Mitbürgern als 1. das Exil bei.“

Ob aber nun im Exil oder im Labor-als Erkenntnisstifter scheint die Seuche der Debatte stets voraus.. So wie in Heinrich Heines Bericht über die Cholera, deren Ausbruch er im Jahre 1832 hautnah in Paris miterlebt hat. „Die Salons lügen“ , schreibt Heine, „die Gräber sind wahr.“ Wobei ihm diese Wahrheit im noch Revolution geschüttelten Paris als besonders grauenhaft erscheint.. Sogar die jakobinische terruer war ja noch eine politische Erzählung, die von Opfern handelte, die zum Erreichen eines gesellschaftlichen zwecks erbracht werden mussten. „Weit schauerlicher“ aber die Cholera, die ihre Hinrichtungen so rasch und so geheimnisvoll vollzog; ein verlarvter Henker, der mit einer unsichtbaren Guillotine ambulant durch Paris zog“. Währenddessen wächst nicht nur der Leichenberg, sondern auch der Bedarf an Verschwörungstheorien, die das Grauen verständlich machen sollen. Vermeintliche Giftmischer werden für die Cholera verantwortlich gemacht und auf offener Straße erschlagen. Über die so feierlustigen wie dummen Pariser schreibt Heine: „lustig wie sie gelebt haben, liegen sie auch lustig im Grabe.“

Ein Satz wie eine Guillotine. Ein Existenzialismus avant la lettre.