AWO family gGmbH

Einfach immer weitermachen

Mein Halt (Reportage von Svenja Faßpöhler)
 
Wie lassen Sie sich erkennen die wahren Säulen unseres Seins, auf die wir uns gerade in unsicheren Zeiten stützen können-und durch die wir die Zuversicht nicht verlieren? 3 Menschen erzählen von ihren Erfahrungen auch jenseits der Coronakrise.
 
„Inneres Gewackel“. Mit diesen 2 Worten beschreibt Marianne Faust ihren gegenwärtigen Seelenzustand. Die 73-jährige lehrt Deutsch als Fremdsprache an der Volkshochschule in Ratingen. Von ihrer Rente allein kann sie nicht leben, doch aufgrund der Coronakrise wurden alle Kurse gestrichen. Und ja, das Virus macht ihr auch gesundheitlich Angst. Ihre Tochter und ihre Enkelin, zu denen sie ein sehr inniges Verhältnis hat, sieht Marianne Faust derzeit aus Vorsicht nicht. Den immerhin sei sie nicht mehr jung, und es habe Vorerkrankungen gegeben. „Die Todesahnung damals hat mich sehr sensibel gemacht für körperliche Veränderungen.“ Seither geht es Marianne Faust „sehr vorsichtig mit sich um“, wie sie sagt-und fügt nach einer kleinen Pause hinzu: „im Grunde ist Stück weit mein Lebensthema.“ Große Entscheidungen zu treffen, falle ihr grundsätzlich eher schwer, zudem habe die Trennung von ihrem Mann zu ihrer tiefen Verunsicherung beigetragen. Was sie gegen ihr Inneres Wackeln unternehme? Nun, sagt Marianne Faust, sie sei ein Ritualmensch. Brauche einen klar strukturierten Tagesablauf, beruhigende Wiederholungen wie zum Beispiel regelmäßiges laufen. Und Musik. Vor allem Bach. „Routinen sind in der Tat ein sehr starkes Rüstzeug“, so kommentiert Christina Berndt diese Strategie. Berndt ist promovierte Biochemiker, Journalistin und Autorin des Buches „Resilenz“. Resilenz bedeutet: innere Widerstandsfähigkeit. Psychische Immunität. „Wenn das Leben aus den Fugen gerät, das neue mit der Wucht über uns kommt, ist es wichtig, sich klare Abläufe zu verschaffen, Haltepunkte, die durch den Tag führen“, sagt Berndt. Und vielleicht, ergänzt sie, sind auch gerade die früheren Erschütterungen, die Marianne Faust jetzt helfen: „zum psychischen Rüstzeug gehört wesentlich, dass man sich auf seine Stärken besinnt und sich zum Beispiel klarmacht, was man schon alles im Leben überstanden hat.“Eine Krankheit etwa. Oder eine Trennung. Doch Marianne Faust hat während der Coronakrise auch eine ganz neue Seite an sich selbst entdeckt. Eine Art Verhaltensveränderung die sie „ von innen funkeln lässt“. Früher seien Spaziergänger oder Sport „Programmpunkte" in ihrem Leben gewesen, Dinge, die man abhackt, die der Gesundheit dienen und aufgrund des vollen Kalender schnell erledigt sein müssen. Da sie aber nun viel Zeit habe, unternehme sie täglich Ausflüge in die Natur, genieße die Farben, die Gerüche. „Ich widme mich den Dingen um ihrer selbst willen. Auch Musik höre ich gerade noch einmal anders. Intensiver.“ Für den Philosophen Gernot Böhme zeigt sich hier eine wesentliche Unterscheidung, die auf Aristoteles zurückgeht: nämlich zwischen Poiesis und Praxis. „Unter Poiesis verstand Aristoteles menschliches Verhalten, das sich erfüllt durch das, was dabei rauskommt. Praxis hingegen meint ein Tun, das seinen Zweck in sich selbst hat.“ Gernot Böhme lässt keinen Zweifel daran das für ihn die Praxis die eigentlich menschengemäße Tätigkeit ist, die allerdings in unserer zweckrationalen Welt viel zu kurz kommen: „selbst aus einem Spaziergang soll noch ein Resultat herauskommen.“ Dieser Instrumentalismus sei, so Böhme, Teil unserer zivilisatorischen Begehrens nach Gewissheit. Einfach gehen, die Fantasie treiben lassen, noch nicht wissen, wo man hin will? „Unser Leben ist doch eine abgekatertes Spiel“, sagt der Darmstädter Phänomenologie, der sich in seinen Büchern intensiv mit den entfremdenden Dynamiken des Kapitalismus und dem menschlichen Leib sein beschäftigt. „Wir sind auf Effektivität, Pünktlichkeit, Funktionalität, Lebensplanung dressiert. Das sind alles Abwehrreaktionen gegen das Pathische. Gegen das, was uns zu stößt.“
Offenheit: für Jochen Müller war eine Verheißung. „Schauen Sie mal hier“, sagt der 43-jährige und zeigt während eines gemeinsamen Spaziergangs durch den Berliner Leise-Park auf seine Schienbeine: „die ganzen Maken habe ich mir in meiner Kindheit zugezogen. Ist mir doch egal, was hinter der Mauer ist ich springe da runter!“ Auch beruflich bewege er sich „auf dem Terrain des ungewissen“, immerhin sei er Wissenschaftler. Promovierter Biologe. Seine Stelle an der Berliner Charite, wo er an bildungsgebenden Verfahren für Schlaganfallpatienten geforscht hat, habe er jedoch vor einigen Jahren aufgegeben. „70 Stunden die Woche arbeiten, dazu ständig den Spruch im Nacken:, China schläft nicht, dass habe ich irgendwann nicht mehr ausgehalten.“ Anstatt den Vertrag zu verlängern, begab sich Jochen Müller gemeinsam mit seinem Freund für 15 Monate auf eine Weltreise, verkaufte vorher seinen gesamten Hausstand.Wie es nach der Reise weitergehen würde, wusste er nicht, sicher war er nur, dass er nach 2 Bandscheibenvorfällen und einem Burnout sein Leben ändern muss. Ein Mut, den Gernot Böhme bewundernswert findet. Er selbst, sagt er, könne ja leicht Ungewissheit schön finden, er sei schließlich Beamter und abgesichert auf Lebenszeit. Und doch: „wir sind keine Steine, die jetzt aktuell da sind. Wir sind eher eine Melodie, die an ihrem Ende offen ist.“ Inzwischen arbeitet Jochen Müller als freier Autor und Fachmann für Wissenschafts Kommunikation, er hält Vorträge lehrt wissenschaftliches Schreiben, konzipierte Tagungen. Und natürlich, erzählt er, seien auch ihm durch die Coronavirus die meisten Aufträge weggebrochen doch gerade dann, wenn es finanziell eng wird, denkt er reflexhaft“ an eine Erfahrung, die er während seiner Weltreise in Kambodscha gemacht hat. „An einem Abend hatten wir Probleme mit unserem Motorrad, und da hat uns eine Familie aufgenommen. Reisbauern, mitten in der Pampa. Und sie hatten nichts. Trotzdem waren sie höflich, offen, gastfreundlich, interessiert. Wenn man so etwas erlebt, dass Menschen nicht wissen, wie sie morgen ihre Kinder ernähren sollen und trotzdem Fremden gegenüber so zugewandt sind, das vergisst man nie wieder.“ Für Gernot Böhme ist eine solche Erfahrung „heilsam“. Lege sie doch das elementare der Menschlichkeit und gleichzeitig die wahnwitzige Funktionsmechanismen unserer Konsumswirtschaft frei, in der die Befriedigung zugleich die Anregung neuer Bedürfnisse mit sich bringt. Einfach weitermachen-das sei seit der Begegnung in Kambodscha sein Lebensmotto, sagt Jochen Müller. „Die Menschen dort haben mir gezeigt, was Selbstwirksamkeit ist. In größter Not geht auch zwischendurch mal ein Kneipenjob. Man muss sich halt einstellen auf das, was kommt.“ Für Christina Berndt zeigt sich genau hier ein ganz wesentliches Kennzeichen der Resilenz: „Resilenz ist eine Strategie. Ich stecke in einer Krise-was tue ich jetzt? Resilenz ist, wer sich flexibel auf neue Situationen einstellen kann.“ Sicher: stärke, Optimismus, Zuversicht seien vielen Menschen einfach mitgegeben doch Widerstandsfähigkeit lasse sich auch erlernen-und zwar auch gerade dadurch, dass wir Krisen durchleben. Was mich nicht umbringt, macht mich stärker? Stimmt dieser Satz Nietzsches also? Jochen Müller jedenfalls hatte in der letzten Zeit einige Krisen zu überstehen er und seine Freundin haben sich getrennt. Im April ist sein Vater gestorben jetzt während der Coronakrise, nutzt Jochen Müller die freie Zeit, um seine Wohnung zu renovieren. Zum 1. Mal. „7 Jahre habe ich in einer Bruchbude gelebt. Ein einziges Provisorium.“ Seit Wochen malere und hämmere er von morgens bis abends, jetzt sei seine Wohnung ein richtiges „Schmuckstück“. Und ein Anker: „Sollte ich noch einmal aufbrechen zu einer Reise, würde ich nicht mehr alles hinter mir lassen ich käme hierher zurück.“