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Trauerbewaeltigung

So viel unfassbar Unbetrauertes war selten. Unfassbar, weil sich uns das zu Betrauernde entzieht. Kein Newsblog und keine Talkshow kriegt es zu fassen. Die Informationsscheinwerfer sind derzeit ganz darauf gerichtet, Wissen zu schaffen, wo Ungewissheit ist; Kontrollierbarkeit, wo Angst herrscht. Zeit und Raum für Trauer bleiben da kaum.

Selbstverständlich werden die Verstorbenen in diesen Tagen betrauert. Was aber ist mit anderen Verlusten: dem des Jobs oder auch der Gewissheit, dass man sich frei im öffentlichen Raum bewegen darf – und nicht darüber nachdenken muss, ob man auf einer Parkbank verweilen darf oder nicht? Weltweit haben Menschen das Gefühl von „Normalität“ verloren. Diesen plötzlichen Einbruch der nackten Ungewissheit ins eigene Leben zu akzeptieren, braucht Zeit – und mehr. Der Verlust des alltäglichen Luxus, sich in Gewissheiten zu wiegen, muss aktiv betrauert werden, sonst droht bleierne Melancholie. Die Verlierenden müssen sich ins dialektische Verhältnis zum Verlorenen setzen und beispielsweise fragen: Was bedeutet mir die Gewissheit, ins Büro oder in die Fabrik zu gehen und Abnehmer für mein Produkt zu finden? Wie viel bedeutet es mir zu wissen, dass ich meine Freunde jederzeit zum Abendessen einladen und sie umarmen kann? Wie wichtig ist es, sich darüber im Klaren zu sein, wann die Kinder wieder in die Schule gehen oder wir in den Urlaub fahren?

Die innere Unruhe, die viele seit dem Ausbruch des Coronavirus spüren, weist auf eine Abwehrreaktion hin. Auf das Nichtanerkennenwollen unausgesprochener Verluste folge zunächst die Wut darüber, dass das Leben eingeschränkt wurde. Anschließend komme die Verhandlungsphase: Wenn ich einige Wochen zuhause bleibe, wird alles gut. Traurigkeit stelle sich mit dem Eingeständnis ein, dass das Ende derzeit nicht absehbar ist. In der fünften Phase akzeptiere man schließlich: Corona bestimmt mein Leben – welchen Sinn finde ich darin?

Von Stefanie Rohde