AWO family gGmbH

Pressemitteilung Herbstfest

 

Pressemitteilung 20.10.2019

Ein rundes Jubiläum

Arbeiterwohlfahrt feiert hundertjähriges Jubiläum

 

Zu einer Feierstunde mit einer Ausstellungseröffnung hatte die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Mühltal eingeladen. Zum einhundertjährigen Bestehen wurde im Rathausfoyer die Geschichte der Organisation präsentiert. Mühltals AWO-Vorsitzender Friedrich Wolbold stellte in seiner Rede insbesonders die prägende Rolle von Marie Juchacz heraus, die am 13. Dezember 1919 in Berlin zentrales Gründungsmitglied der Wohlfahrtsorganisation war.

Marie Juchacz wuchs in Landsberg an der Warthe im heutigen Polen auf und entstammte aus einfachen Verhältnissen. Bereits in ihrer Jugend machte sie vielfältige Erfahrungen mit der materiellen Not, unter der viele Menschen litten. Ihre menschliche Stärke und ihr Bildungshunger trieben sie 1906 im Alter von 27 Jahren gemeinsam mit ihren Kindern und ihrer Schwester Elisabeth nach Berlin. Dort verdiente sie als Schneiderin in Heimarbeit ihren Lebensunterhalt und ergriff die Möglichkeiten, die ihr die pulsierende Großstadt, die damals bereits zwei Millionen Einwohner hatte. Sie trat dem Frauen- und Mädchenbildungs- Verein bei und engagierte sich für die Gleichberechtigung der Frauen. 1908 trat sie in die SPD ein. 1913 ging sie mit ihrer Schwester nach Köln und arbeitete dort als Parteisekretärin. Im Frühjahr 1917 holte sie der SPD-Parteivorstand als Frauensekretärin nach Berlin zurück und übertrug ihr u.a. die Schriftleitung der Monatsschrift „Die Gleichheit.“ Mit der Wahl am 19.Januar 1919, in der Frauen erstmals wählen durften, wurde Marie Juchacz und ihre Schwester Elisabeth in die „Deutsche Nationalversammlung“ berufen. Einen Monat später ergriff sie als erste Frau dort das Wort und hielt eine denkwürdige Rede. Bis 1924 war sie Mitglied des Reichstags.

Ursprünglich wurde die AWO als Parteiorganisation gegründet. Sie betrieb Fürsorge durch Heime, Kindergärten, Beratungsstellen, Nähstuben und Suppenküchen. 1933 kam dann mit dem Nationalsozialismus das Aus. Marie Juchacz floh über diverse Umwege nach New York, wo sie sich ebenfalls mit großer Hingabe für die Wohlfahrt einsetzte. Nach 1945 war sie es wiederum, die sich erfolgreich für die Neugründung der Arbeiterwohlfahrt im Westen Deutschlands einsetzte. Seither agiert die AWO jedoch parteiunabhängig. 1949 kam Marie Juchacz aus Amerika zurück, wurde Ehrenvorsitzende und starb nach schwerer Krankheit 1957 im Alter von 76 Jahren.

 

 

Auch in Nieder-Ramstadt gab es die Arbeiterwohlfahrt seit ihrer Gründung. Nach dem 2. Weltkrieg erfolgte durch 26 Frauen und Männer aus Nieder-Ramstadt am 5. Oktober 1946 die Wiedergründung als Ortsverein. Mehrere Tafeln wiesen in der Ausstellung auch auf dieses Ereignis hin. Auffallend war, dass es in Nieder-Ramstadt ebenso wie in Berlin mehr Gründungsmütter als Gründungsväter gab. „Wenn es um die gute Sache geht, ist das Geschlecht der Aktiven gleichgültig. Das war vor 100 Jahren nicht anders als heute,“ stellte Vorsitzender Wolbold fest. Die zahlreichen Tafeln in der Ausstellung seien der aktuelle Beleg dafür, dass sich die gemeinnützigen Aufgaben der AWO auch heute noch lange nicht erledigt hätten.

 

Bild (AWO): Eröffnung der Ausstellung im Foyer des Rathauses durch Friedrich Wolbold